Guide Michelin 2026: Wie viel mehr? Eins.
Von Denise Snieguole Wachter
Am Dienstagabend vergibt der Guide Michelin im Frankfurter Palmengarten seine Sterne für 2026. CHEF:IN ist mit einer einzigen Frage gekommen: Wie viel hat sich für die Frauen an der Spitze bewegt? Die Antwort lässt sich auf eine Zahl bringen – und die Zahl erzählt noch eine zweite Geschichte.
Zum zweiten Mal in Folge ist der Palmengarten die Bühne der deutschen Spitzengastronomie. Sektgläser, Kamerateams, ein Saal voller Kochjacken. Wir sind nicht wegen der großen Drei-Sterne-Erzählung hier, nicht wegen der Häuser, die ohnehin in jedem Bericht auftauchen. Wir sind wegen einer Rechnung, die sich jedes Jahr aufs Neue stellt.
Von 339 Sternerestaurants in Deutschland – zwei weniger als im Vorjahr – werden kaum mehr als ein Dutzend von Frauen geführt. Gerade einmal 4,42 Prozent. Eine Köchin mit drei Sternen gibt es nicht. An der Spitze, mit zwei Sternen, stehen Julia Leitner, Douce Steiner und Rosina Ostler – und dann wird die Luft schnell dünn.
Die Frage, mit der wir gekommen sind, ist simpel: Wie viel mehr 2026?
Die Antwort ist: eins.
An diesem Abend verteilt der Guide 25 neue Sterne – ein neues Drei-Sterne-Haus, vier neue Zwei-Sterne, zwanzig neue Ein-Sterne. Das neue Drei-Sterne-Restaurant, das L.A. Jordan in Deidesheim, führt ein Mann. Für die Frauen unter diesen 25 bleibt: eins.
Eins heißt NeoBiota
Sonja Baumann und Erik Scheffler führen das Kölner Haus als Duo – morgens das vielleicht bekannteste Frühstück der Stadt, abends Fine Dining im selben Raum. Ein Konzept, das zwei Welten zusammenzieht und sich bewusst quer zur Branche stellt. Den Stern hatte das NeoBiota seit 2019. Anfang 2025 zog das Restaurant an den Pantaleonswall um – und ein Umzug ist für ein Sternehaus alles andere als eine Formsache, weil Michelin den neuen Ort komplett neu bewertet. Der Stern fiel weg. An diesem Abend holt Baumann ihn zurück.
Dazu kommt etwas, das es so vorher nicht gab: NeoBiota ist Deutschlands erste Mindful Voices. So heißt das neue redaktionelle Format, mit dem der Guide ab 2026 europaweit startet und das den bisherigen Grünen Stern ablöst. Mindful Voices zeichnet keine Restaurants aus, sondern Menschen – Köch:innen, Hoteliers, Winzer:innen, die in ihrer Branche neue Wege gehen. Kein Stern, keine Plakette. Eine Bühne.
Baumann und Scheffler bespielen sie mit dem, was ihre Küche ohnehin trägt: einem eigenen Garten statt Importware.
„Unser Garten ist auf jeden Fall wichtig. All das, was sonst über Importe und teures Geld nach Deutschland gebracht wird, bekommen wir aus unserem eigenen Garten – Feigenbäume mit 150 Feigensorten. Das ist etwas Besonderes, das wir den Gästen bieten wollen. Eigentlich sollte das jeder haben." — Sonja Baumann
Es ist eine Haltung, die nicht von der Karte aus denkt, sondern vom Boden. Und es ist, so formuliert es Scheffler, eine Frage der Verantwortung statt des Trends.
„Wir orientieren uns nicht an Trends. Die Frage ist: Was können wir der Gesellschaft zurückgeben? Wir sind ein Luxusgut, ein Luxusprodukt – und dürfen zurückgeben. Wenn wir authentisch sind, dann kommen wir weiter, auch als gastronomische Gruppe." — Erik Scheffler
Sichere Bank
Und hier beginnt die zweite Geschichte. Diese Eins ist kein neues Gesicht. Sie ist eine Rückkehr.
Sonja Baumann bekommt zurück, was sie hatte. Ein Jahr zuvor lief es ganz ähnlich: Cornelia Fischer wurde 2025 mit dem Restaurant Überfahrt am Tegernsee besternt – einem Haus, das unter Christian Jürgens einst drei Sterne trug, ehe sie verloren gingen. Und Fischer selbst war keine Unbekannte für den Guide: Schon im „Weinstock" in Volkach hatte sie als Küchenchefin einen Stern erkocht.
Das ist das Muster hinter der Zahl. Die Frauen, die der Guide nach oben holt, sind oft Frauen, die er schon kannte – Rückkehrerinnen, die wiederbekommen, was einmal da war, an einem neuen Herd. Für den Guide ist das die sichere Bank: ein bewährter Name, ein kalkulierbares Risiko. Was seltener passiert, ist das andere – dass eine Köchin, die noch nie einen Stern hatte, einfach durchbricht.
Man kann die Wiederbesternung feiern. Sie ist verdient, in jedem einzelnen Fall. Man sollte nur nicht so tun, als wäre sie dasselbe wie Bewegung.
Der zweite Moment, in dem an diesem Abend eine Frau auf der Bühne steht, ist der Service Award. Er geht an Karin Weißer vom Sankt Benedikt in Aachen – eine ausgezeichnete Gastgeberin, souverän, präzise, seit Jahren das Gesicht des Raums. Verdient, ohne Frage.
Und doch erzählt die Konstellation eine vertraute Geschichte. Der Stern des Sankt Benedikt gehört der Küche von Maximilian Kreus. Die Frau wird für den Service geehrt, der Mann für den Herd. Es ist das alte Muster in seiner höflichsten Form: Den Teller dürfen Frauen tragen. Über das Feuer entscheiden weiter andere.
Man kann beides gleichzeitig sagen – dass Weißers Auszeichnung echt ist und dass die Verteilung der Rollen Bände spricht.
Warum sich so wenig bewegt
Dass die Zahl eins ist, hat nichts mit Können zu tun. Das ist die Lücke, über die in der Branche längst Einigkeit herrscht, von den Michelin-Inspektor:innen bis zu den Köchinnen selbst: Die Spitzenküche war jahrzehntelang ein Umfeld, das Frauen eher duldete als förderte. Was sie bremst, sind keine Talentfragen, sondern Strukturen – Arbeitszeiten ohne Privatleben, fehlende Vereinbarkeit, ein Ton, der lange als normal galt und es nicht war.
Genau hier liegt die Verbindung zu allem, was gerade in der besten Gastronomie verhandelt wird: Vier-Tage-Woche, Code of Conduct, Teams, die bleiben dürfen, weil sie ein Leben neben dem Pass haben. Die Zahl an der Spitze verändert sich nicht, indem man sie feiert. Sie verändert sich, indem sich die Bedingungen darunter verändern – und indem der Guide irgendwann auch dort hinschaut, wo der Name noch nicht bekannt ist.
Eins ist etwas. Eins ist nicht genug.
Ein Garten mit 150 Feigensorten. Ein Stern, der zurückerobert wurde. Eine Stimme auf einer internationalen Bühne. Das ist nicht nichts – und wir gönnen es Sonja Baumann von Herzen.
Aber eins ist keine Bewegung, schon gar nicht, wenn dieses eine eine Rückkehr ist. Wir sind an diesem Abend mit der Frage gekommen, wie viel mehr 2026 bringt. Im nächsten Jahr würden wir gern eine größere Zahl brauchen – und einen Namen, den der Guide vorher noch nicht kannte.