„Frauen bekommen Kinder, und damit bist du oft erst mal raus“

Credit: Vivi D’Angelo

Anna Widmann ist Gastgeberin und Sommelière im 1-Sterne-Restaurant Ursprung in Zang auf der Schwäbischen Alb. Ein Gespräch über Vereinbarkeit, die Männerdominanz in der Weinbranche und das beste Mittel gegen Kater. 

Von Anja Wasserbäch

Zang ist kein Ort, an dem man zufällig vorbeikommt. Er liegt mitten auf der Ostalb. Es gibt eine Handvoll Häuser, den Landgasthof Löwen, der heute viel mehr ist. Unter dem Dach „Alb.leben“ gibt es auch noch den Ursprung, ein Restaurant mit einem Michelin-Stern. Wer im Ursprung reserviert, kommt gezielt. Und wer Anna Widmann begegnet, merkt schnell: Sie ist genau hier richtig.

Aufgewachsen nahe Kitzbühel, gelernt im Interalpen, Stationen in Südafrika, London und im Atelier in München – bevor es sie auf die Alb zog. Heute ist sie Gastgeberin und Sommelière im Restaurant von ihrem Mann Andreas Widmann.

Ein Gespräch über Vereinbarkeit, die Männerwelt der Weinmessen, den Moment in Südafrika, der alles verändert hat. Und darüber, was wirklich gegen einen Kater hilft.

Anna, was läuft für Frauen in der Gastronomie heute besser als noch vor fünf Jahren – und wo hakt es immer noch?

Die Sichtbarkeit ist heute größer. Frauen werden heute deutlich mehr wahrgenommen als noch vor fünf oder zehn Jahren. Man merkt, dass sich gerade etwas bewegt. Aber es gibt nach wie vor große Herausforderungen – allen voran das Thema Vereinbarkeit. Fakt ist: Frauen bekommen Kinder, und damit bist du oft erst mal raus. Wenn du kein starkes Umfeld hast, wird es schwierig. Und selbst wenn – der Weg zurück wird dir nicht leicht gemacht. Die Arbeitszeiten, Abende, Wochenenden – das bleibt ein strukturelles Problem.

Gab es für dich einen Moment, in dem du wusstest: So funktioniert Vereinbarkeit für mich – und so nicht?

Nein, den einen Moment gab es nicht. In der Gastro ist kein Tag wie der andere. Und oft ist es genau an den stressigsten Tagen so, dass privat etwas dazwischenkommt. Deshalb ist ein gutes Team entscheidend – Menschen, auf die du dich verlassen kannst. Wenn du weißt, dass jemand für dich einspringt, wenn es brennt, dann funktioniert es überhaupt erst.

Gerade in der Weinwelt: Ist Female Empowerment echte Veränderung oder oft nur Storytelling?

Ganz ehrlich: oft ist es Storytelling. Geh auf Messen – es ist immer noch stark männerdominiert, gerade in Ländern wie Frankreich. Ob bei Sommeliers oder Winzern, als Frau bist du noch nicht selbstverständlich angekommen. Dazu kommt dieses alte Bild: Frau und Alkohol. Gesellschaftlich akzeptiert – ja. Aber bitte nicht „zu viel“. Dieses Spannungsfeld existiert immer noch.

Welches Getränk beschreibt dich am besten?

Ich bin ein Veltliner. Ich weiß, wo meine Wurzeln sind, bin geradlinig, ehrlich. Gleichzeitig kann man mich in die unterschiedlichsten Situationen setzen – und ich entwickle mich weiter, bringe neue Facetten hervor. Diese Vielseitigkeit beschreibt mich ziemlich gut.

Welchen Wein- oder Drink-Trend sollten wir 2026 unbedingt auf dem Schirm haben?

Ich bin ein großer Fan von Blanc de Noir. Das ist nach wie vor unterschätzt. Viele trinken es zu wenig. Dabei gibt es inzwischen tolle Beispiele von Weingütern, die das richtig gut machen – zugänglich, mit Charakter. Für mich ist das ein perfekter Essensbegleiter, aber auch ein „Kartenwein“ – also ein Wein für lange Abende, unkompliziert, aber mit Tiefe und Balance.

Und ganz ehrlich: Was hilft wirklich gegen Kater – und was ist Quatsch?

Ich glaube, die beste Lösung ist immer noch: am Abend davor wissen, wann Schluss ist. Am nächsten Tag hilft mir tatsächlich gutes Essen – ich kann relativ schnell wieder essen, am liebsten etwas Herzhaftes wie Eierspeisen. Alles andere? Eher Mythen.

Wie bist du eigentlich zur Gastronomie gekommen?

Lustigerweise über meine Schwester. Sie hat angefangen, und ich war als Kind einmal bei einem Bewerbungsgespräch dabei – in einer Hotelbar. Ich war vielleicht sechs und total fasziniert: die Atmosphäre, die Menschen, diese „schöne Welt“. Da habe ich gemerkt: Ich will dahin, wo die schönen Dinge sind. Das begleitet mich bis heute.

Du bist in der Nähe von Kitzbühel aufgewachsen – wie ging dein Weg weiter?

Ich habe eine Tourismusschule gemacht, Schwerpunkt Marketing. Danach ging es ins Interalpen – da habe ich sehr schnell gelernt, viel Verantwortung bekommen und auch früh gut verdient. Der Wein kam dann relativ schnell ins Spiel. Später bin ich viel gereist: Südafrika war prägend, London eher ernüchternd. Dort habe ich gemerkt, wie hart das Geschäft sein kann – viel Arbeit, wenig Geld.

Was war rückblickend ein entscheidender Moment in deiner Laufbahn?

Südafrika. Ich war Anfang 20, und das hat meinen Blick komplett geöffnet – auf Genuss, auf Lebensqualität, auf Gastronomie. Danach wusste ich: Das ist mein Weg. Und ich habe gelernt, Chancen zu nutzen – auch wenn ich oft gar nicht genau wusste, worauf ich mich einlasse.

Du warst in vielen renommierten Häusern – was hat dich besonders geprägt?

Ganz klar: die Menschen. Gute Chefs, die fordern und fördern. Orte, an denen du wachsen kannst. Und immer wieder dieses Gefühl: Es geht um mehr als nur Essen und Trinken. Es geht um Atmosphäre, um Ästhetik, um Erlebnisse. Das ist das, was mich bis heute antreibt.

Wenn du Gastronomie in einem Satz beschreiben müsstest?

Ein Ort für Schönheit – im weitesten Sinne. Ob auf dem Teller, im Raum oder im Moment selbst.

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