Warum ich CHEF:IN gegründet habe
Credit: Bettina Theuerkauf
Über eine Zahl, die mich nicht mehr losließ – und den Moment, in dem Beobachten nicht mehr reichte
Von Denise Snieguolė Wachter
Vier Prozent.
Das ist die Zahl, über die ich heute sprechen möchte. Keine große Zahl. Eher eine, die man übersieht. Die man beim Lesen einer Statistik überfliegt. Vier Prozent, das klingt nach Rundungsfehler, nach statistischem Rauschen, nach einer Fußnote.
Aber diese vier Prozent haben mein Leben verändert.
Vier Prozent der ausgezeichneten Köche in Deutschland sind Frauen. In einem Land, in dem über die Hälfte aller Beschäftigten im Gastgewerbe weiblich ist. In dem etwa ein Viertel der Kochauszubildenden Frauen sind. Über fünfzig Prozent, dann ein Viertel, dann vier Prozent. Das ist kein Trichter. Das ist ein Sieb. Und es wird enger mit jeder Stufe, die näher an die Spitze führt.
Ich habe über diese Diskrepanz zum ersten Mal vor Jahren geschrieben. Seitdem habe ich sie in Dutzenden Gesprächen erwähnt, in Podcasts, auf Panels. Und jedes Mal passiert dasselbe: Die Leute nicken. Betroffene Gesichter. Und dann bestellen sie den nächsten Gang.
Es begann mit einem Mittagessen
Angefangen hat alles an einem Nachmittag in Ulm. Ich saß in der Edda Brasserie von Alina Meissner-Bebrout. Heute 35 Jahre alt, Michelin-Stern im bibraud, dazu die Brasserie als zweites Standbein. Die Tochter eines Pianisten von den niederländischen Antillen und einer Düsseldorfer Physiotherapeutin stand am Pass – und ich war von der ersten Sekunde fasziniert. Von dieser Mischung aus Coolness und Kompromisslosigkeit, aus Charisma und Präzision.
Auf der Rückfahrt schoss mir ein Gedanke durch den Kopf, der so simpel war, dass er fast wehtat: Warum gibt es eigentlich keine Watch List für diese Frauen? Für Unternehmerinnen, die großartige Restaurant-Konzepte führen und die Gastronomie in Deutschland prägen – ja verändern werden?
Die Antwort war ernüchternd einfach: Weil sie niemand gemacht hat.
Also habe ich sie gemacht.
Kein Gastro-Problem. Ein Systemproblem.
Man könnte jetzt sagen: Das ist halt die Gastronomie. Eine Branche mit eigenen Regeln, eigenen Härten, eigenem Tempo. Aber wer so denkt, macht es sich zu leicht.
Im Februar 2026 veröffentlichte das Statistische Bundesamt die neuesten Zahlen zum Gender Pay Gap: 16 Prozent. Frauen verdienten im Schnitt 16 Prozent weniger pro Stunde als Männer. Selbst bei vergleichbarer Tätigkeit, Qualifikation und Erwerbsbiografie blieb eine Lücke von sechs Prozent – ohne erklärbaren Grund. Diese Zahlen sind gegenüber dem Vorjahr unverändert. Die Stagnation ist die Nachricht.
Der Gender Gap Arbeitsmarkt, der neben Verdienst auch Arbeitszeit und Erwerbsbeteiligung einbezieht, liegt bei 37 Prozent. In Baden-Württemberg und Bayern sogar bei 41 Prozent. Der Equal Pay Day fiel 2026 auf den 27. Februar – 58 Tage, in denen Frauen rechnerisch umsonst arbeiten. Achtundfünfzig Tage. Man muss das einmal sacken lassen.
Und es geht weiter. Der Gender Pension Gap liegt bei fast 26 Prozent – Frauen über 65 erhalten im Schnitt 600 Euro weniger Rente im Monat als Männer. Der Anteil von Frauen in Führungspositionen deutscher Leitmedien ist zum dritten Mal in Folge rückläufig. In der Wissenschaft, in der Wirtschaft, in der Kultur – überall dieselben Muster: Frauen steigen ein, Frauen leisten, Frauen verschwinden auf dem Weg nach oben.
Nicht weil sie aufgeben. Sondern weil Strukturen sie aussortieren.
Die Spitzengastronomie ist dafür nur das schärfste Brennglas.
Was hinter der Küchentür passiert
Dienste von morgens bis Mitternacht. Permanente Wochenendarbeit. 16-Stunden-Tage für einen perfekten Service. Maximaler Druck, die Forderung nach Perfektion, körperliche Höchstleistung – bei Gehältern, die selten mit dem Anspruch mithalten. Das sind die Bedingungen, unter denen Spitzengastronomie funktioniert. Für alle. Aber für Frauen kommen noch ein paar Extras dazu.
In den patriarchalischen Strukturen der Spitzengastronomie fördern Männer bevorzugt Männer. Köchinnen kämpfen gegen Vorurteile und erleben regelmäßig Sexismus. Es gibt immer noch Betriebe, in denen täglich sexistische Sprüche fallen – das höre ich in meinen Interviews immer wieder. Alexandra Strödel, Küchenchefin aus Berlin, hat mir erzählt, dass sie seit Jahren einen großen Teil ihrer Energie dafür aufbringt, gegen geschlechterspezifische Diskriminierung und ungesunde Machtstrukturen anzuarbeiten. Das ist kein Gerücht aus den Neunzigern. Das ist die Gegenwart.
Und dann die Frage, die zuverlässig kommt wie der Nachtisch: Und wie machen Sie das mit der Familie? Eine Frage, die männlichen Sterneköchen praktisch nie gestellt wird. Als wäre Vaterschaft eine Privatangelegenheit, Mutterschaft aber ein Karrierehindernis. Vereinbarkeit mit Familie bei 16-Stunden-Tagen? Nahezu unmöglich. Aber statt das System zu hinterfragen, wird die Frau hinterfragt. Warum tust du dir das an. Warum nicht etwas Ruhigeres. Warum nicht die Patisserie.
Die Sätze, die ich nicht mehr hören konnte
„Frauen sind nicht tough genug.“ „Die wollen doch lieber Familie.“ „In der Patisserie sind sie besser aufgehoben.“
Diese Sätze begleiten mich seit über einem Jahrzehnt. Sie fallen nebenbei, zwischen zwei Gängen, nach dem dritten Glas Wein auf der Branchenparty. Nicht laut, nicht aggressiv. Beiläufig. Als wären sie Naturgesetze und nicht das, was sie wirklich sind: Ausreden. Bequeme Erklärungen für ein Ungleichgewicht, an dem sich niemand die Finger schmutzig machen will.
Die Realität sieht anders aus. Julia Leitner kocht im CODA in Berlin mit zwei Michelin-Sternen – ein Dessert-Restaurant, ein in Deutschland einzigartiges Konzept. Rosina Ostler im ALOIS in München, ebenfalls zwei Sterne. Alina Meissner-Bebrout in Ulm, Cornelia Fischer in der Überfahrt am Tegernsee, Sarah Hallmann im Hallmann & Klee in Berlin – sie alle kochen auf höchstem Niveau, führen Teams, führen Unternehmen. Sie sind nicht trotz ihres Geschlechts erfolgreich. Sie sind erfolgreich. Punkt.
Aber sie stehen zu selten im Rampenlicht. Das Talent ist da. Die Sichtbarkeit fehlt.
Also habe ich aufgehört zu beobachten
Im Januar 2025 ging CHEF:IN online. Die erste Plattform, die Deutschlands führende Küchenchefinnen systematisch sichtbar macht. Gemeinsam mit Anja Wasserbäch von der Stuttgarter Zeitung, die als Head of Jury dabei ist, haben wir mit 18 Köchinnen angefangen. Heute, Anfang 2026, sind es 72 Frauen in fünf Watch Lists: Köchinnen, Gastgeberinnen, Sommelières, Barkeeperinnen und eine internationale Liste. Von der Küche bis zur Bar, vom Service bis zum Weinkeller.
CHEF:IN ist eine journalistische Plattform, die Geschichten erzählt. Die Philosophien zeigt, Karrierewege nachzeichnet, Porträts veröffentlicht. Es ist pro bono – wir bieten diesen Frauen Sichtbarkeit, keine Rechnungen. Cornelia Poletto ist unsere Botschafterin.
Was mich am meisten bewegt hat: die Resonanz. Unser erstes Instagram-Reel erreichte über 70.000 Aufrufe. Einschlägige Medien berichtete. Die Branche reagierte – nicht mit höflichem Interesse, sondern mit Hunger. Als hätte die ganze Szene auf genau das gewartet.
Und was mich mindestens genauso freut: Sind alle talentierten Köchinnen auf unserer Liste? Bei Weitem nicht. Und genau das zeigt, wie groß das Potenzial ist. Da ist noch so viel mehr zu entdecken, zu würdigen und sichtbar zu machen.
Was passiert, wenn Frauen die Küche prägen
Ich werde oft gefragt: Kochen Frauen anders? Meine Antwort: Die interessantere Frage ist, wie sie führen.
Viele der Köchinnen, die ich porträtiere, denken anders über Führung. Flache Hierarchien, faire Arbeitszeiten, Empathie als Prinzip – das sind keine Buzzwords in ihren Küchen, das ist gelebter Alltag. Diana Burkel vom Würzhaus in Nürnberg hat ihren Betrieb so umstrukturiert, dass Festangestellte ihre Wochenarbeitszeit an vier Tagen absolvieren können. Lisa Angermann aus Leipzig betont Transparenz und Mitbestimmung als Grundlage. Cornelia Poletto hat für ihre ehemalige Küchenchefin eine neue Stelle geschaffen, die sich besser mit Familie vereinbaren lässt. Sandra Hofer vom oma & enkel in Wirsberg sagt: Allein ist man nie so stark wie mit einem Team, das sich gegenseitig wertschätzt.
Das sind keine weichen Themen. Das sind die härtesten Fragen, vor denen die Branche steht: Wie schaffen wir es, dass junge Menschen diesen Beruf wieder ergreifen wollen? Wie halten wir Talente? Wie machen wir Spitzengastronomie zukunftsfähig? Und es sind überwiegend Frauen, die darauf Antworten finden.
Je vielfältiger eine Branche aufgestellt ist, desto größer und tragfähiger ist das Ergebnis. Wenn wir die Hälfte der Perspektiven ausschließen, vergeben wir uns Chancen. Nicht nur für die Frauen. Für alle.
Wir leben in einer Zeit, in der Fortschritt nicht mehr selbstverständlich ist. In der manche glauben, Gleichberechtigung sei irgendwann erledigt worden und man könne zur Tagesordnung übergehen. Die Zahlen erzählen eine andere Geschichte. 16 Prozent Lohnlücke. 37 Prozent Gender Gap Arbeitsmarkt. Frauen in Medien-Führungspositionen rückläufig. Vier Prozent Sterneköchinnen.
Fortschritt passiert nicht von allein. Er passiert, wenn jemand aufhört, den Kopf zu schütteln – und anfängt, etwas zu bauen.
CHEF:IN wächst. Im September 2026 finden in Hamburg die ersten CHEF:IN Awards statt – das erste Event seiner Art, das ausschließlich weibliche Gastro-Expertise würdigt. Wir produzieren Video-Serien, das Online-Magazin ist gestartet, die internationale Expansion steht bevor.
Aber Wachstum ist nicht der Punkt. Der Punkt ist: Wir dokumentieren nicht nur. Wir gestalten mit. Diese 72 Frauen sind Vorbilder für die nächste Generation.
Was ich euch mitgeben möchte
Als ich 2024 anfing, über CHEF:IN nachzudenken, sagte mir jemand: Schöne Idee, aber ob sich das lohnt? Es gibt doch kaum Frauen in der Spitzengastronomie.
Kaum Frauen. Vier Prozent.
Genau das ist der Punkt.
Es gibt sie. Sie sind da. Sie kochen jeden Tag auf höchstem Niveau, führen Unternehmen, bilden aus, verändern die Branche von innen. Sie brauchen keine Erlaubnis und kein Mitleid. Sie brauchen eine Bühne.
CHEF:IN ist diese Bühne. Und wir fangen gerade erst an.