Drei Schwestern, ein Haus, eine Seele

Foto: Anna Roschatt

Brigitte, Christina & Daniela im Gespräch über Joghurt von der Kuh um die Ecke, die Kunst des Gastgebens und kleine Schritte statt großer Revolutionen. Das Hotel Petrus in Südtirol wird von drei Schwestern geführt – mit Überzeugung, Handwerk und  auch einer Portion Sturheit, die sich immer ausgezahlt hat. Ein Gespräch über regionale Kreisläufe, Frühstücksphilosophie, den Unterschied zwischen Hotelier und Gastwirt – und darüber, was es bedeutet, gemeinsam zu wachsen. 

Von Anja Wasserbäch

Ihr serviert morgens am Frühstückstisch einen Joghurt, der einen Namen hat – wie meint ihr das?

Brigitte: Wir erzählen beim Joghurt gerne, woher es kommt. Es hat einen Namen, weil die Kuh einen Namen hat. Die Kuh – die Zita – steht keinen Kilometer von hier entfernt, hat noch fünfzehn Freundinnen, die gemeinsam mit ihr dort unten leben. Die Milch wird vom Biobauern Christoph sofort verarbeitet. Bäuerin Sabine versetzt das Joghurt mit besonderen Probiotika, damit es besonders gut verdaulich ist – und füllt es direkt ins Glas ab, in dem es dann reift.

Zu Beginn unserer Zusammenarbeit haben wir uns gedacht: Ein „leeres“ Glas, so ganz ohne Etikett, wollen wir nicht auf unsere Frühstückstische stellen. Also haben wir uns selbst ans Zeichnen gemacht und ein kleines Emblem gestaltet, das mit einem Papierklebestreifen befestigt wird. Wenn der Gast das Glas öffnet, ist das der erste Moment, bei dem Luft an das Joghurt kommt. Dadurch ist es kaum säuerlich – ganz anders als ein normales Joghurt.

Das tollste: der einzige Müll, den wir mit dem Joghurt produzieren, ist dieser kleine Papierklebestreifen. Das Glas wird wiederverwendet, das Etikett soweit wie möglich auch. Solche kleinen Kreisläufe gefallen uns sehr.

Gilt das Prinzip „regional und im Kreislauf“ auch für andere Produkte?

Brigitte: Ja, wir haben selbst einen großen Gemüsegarten. Den pflegt unser Vater Hans persönlich. Im Sommer kommen der gesamte Salat und die Kräuter und ein großer Teil des im Hotel verwendeten Gemüses direkt vom eigenen Lechnerhof. Vieles wird eingemacht, damit wir es auch im Winter noch verwenden können. Beim Fleisch ist es genauso. Die Eier kommen von einem Bauern hier in der Gegend, den wir persönlich kennen. Er ist eigentlich Koch,seine Lehre hat er bei uns im Hotel gemacht und inzwischen den Hof seines Vaters übernommen. 

Christina: Auch den Speck beziehen wir von einem Hof aus der Region. Wir zwingen uns nicht auf einen Radius von wenigen Kilometern. Das würde uns zu sehr einschränken. Aber wir bleiben in der Region und vor allem: wir kennen die Leute, die dahinterstecken. 

Foto: Anna Roschatt


„Der einzige Müll, den wir produzieren, ist der kleine Papierstreifen am Joghurtglas. Das Glas wird wiederverwendet, das Etikett soweit wie möglich auch.“

— Brigitte

Drei Schwestern, ein Betrieb

Wann war euch klar, dass ihr das Hotel gemeinsam führt?

Brigitte: Christina und ich sind anfangs eingestiegen, das war 2008, als ein großer Umbau anstand. Wir haben damals entschieden, mitzuarbeiten. Wir hatten das Glück, dass unsere Eltern uns viel haben ausprobieren lassen. Klar, haben wir auch mal Fehler gemacht; aber das war nie gravierend, sie standen immer hinter uns. So konnten wir manches anders machen als die Hotels in unserer Nachbarschaft. Dann kam irgendwann Danni dazu, die Marketing und Wirtschaft studiert hatte, und hat uns beim ganzen Thema Kommunikation unterstützt.

Wie ergänzt ihr euch? Was sind die Stärken der jeweils anderen?

Daniela: Christina hat eine Gabe, alles immer unter Kontrolle zu halten. Sie hat oft so viele Dinge gleichzeitig im Kopf und hält alle Zügel zusammen; sie hat für alles und jeden ein offenes Ohr und bleibt dabei immer ruhig.  

Christina: Brigitte sprudelt so vor Ideen. Und das in allen Bereichen, egal ob Kulinarik, Kommunikation oder Interior.  

Brigitte: Danni ist unser Sprachrohr nach außen und Christina kann aus allem ein Kunstwerk machen. Das sind oft die Details, die den Unterschied ausmachen.

Christina: Auf alle Fälle glaube ich, dass wir nur gemeinsam so stark sind. Jede alleine für sich wäre nicht so gut wie wir zu dritt. Alles zirkuliert in einem Dreieck – jede bringt etwas ein, und wenn jemand eine Idee hat, fällt der anderen sofort ein, wie man es umsetzen könnte.


Was habt ihr von euren Eltern übernommen – und was habt ihr bewusst anders gemacht?

Brigitte: Bei unserem Frühstück mussten wir uns schon etwas durchsetzen. Unsere Eltern waren anfangs nicht so überzeugt davon, als wir sagten, wir wollen kein Buffet mehr anbieten. Dazu kam, dass manche Stammgäste auch ein Buffet vermissten und da haben unsere Eltern schon zu Zweifeln begonnen. Aber wir sind standhaft geblieben, denn wir glauben, dass unser Gast – also der, den wir uns wünschen – genau das schätzt: einfach sitzen bleiben zu dürfen, ohne dauernd zum Buffet laufen zu müssen. 

Christina: Außerdem hat man so die Möglichkeit auch mal was Neues auszuprobieren, denn an so einem Buffet holt man sich doch immer nur das gleiche. Auf unserem Frühstückbrett findet sich jeden Tag was anderes. Und das gefällt uns. Generell gestalten wir alles so, wie wir es uns selbst im Urlaub wünschen würden.

Auch beim Schwimmbadbereich, der vor mittlerweile elf Jahren gebaut wurde, haben wir uns bewusst dafür entschieden, diesen anders zu gestalten.. Die Pool-Bereiche sahen damals irgendwie alle gleich aus und das wollten wir nicht. Zum Beispiel wollten wir eine große Couch integrieren. Mittlerweile ist der Bereich, glaube ich, immer noch zeitgemäß. 

Foto: Anna Roschatt

Hattet ihr auf der Baustelle manchmal Probleme, weil ihr Frauen seid?

Brigitte: Ich würde jetzt lügen, wenn ich nein sagen würde. Klar ist es nicht immer leicht. Aber wir haben ja das Glück, dass wir unseren Vater haben, der uns hier auch unterstützt. Aber grundsätzlich finden wir: Auf dieses Klischee muss man sich nicht herunterlassen. Klar ist die Handwerkerbranche männerdominiert – aber das heißt nicht, dass wir als Frauen nicht auch mitreden können. Und so haben wir uns schon von dem ein oder anderen Bauarbeiter im Laufe der Bauarbeiten Respekt verdient.

Christina: Ich glaube sogar, dass es manchmal von Vorteil ist, wenn eine Frau auf der Baustelle steht. Man kann scheinbar naive Fragen stellen, und wenn zwischen zwei Gewerken gestritten wird, findet man als Außenstehende schneller den gemeinsamen Nenner.


Gastgebertum & Philosophie

Was bedeutet Gastgebertum im Jahr 2026?

Daniela: Ich habe kürzlich mit einer Freundin gesprochen, die auch in der Hotellerie tätig ist. Sie sagt von sich selbst, sie ist keine Hotelière – sie ist eine Gastwirtin. Und das finde ich einen schönen Gedanken. Ein Gastwirt ist der, der direkt beim Gast ist: der auch mal den Teller bringt, den Koffer trägt, das Getränk macht. Ein Hotelier sitzt oft hinten im Büro und hält die Fäden – das ist nicht böse gemeint, aber ich finde, es ist ein Unterschied. Wir glauben, dass besonders das Menschliche in Zeiten von KI immer wichtiger wird. Das steckt auch an: Wenn die Chefin selbst abräumt, geht der Mitarbeiter auch hin und räumt ab. Das ist Gastgebertum, nicht Dienst nach Vorschrift, sondern weil man es gern tut.

Wofür steht das Hotel Petrus, jenseits von Sternen und Ausstattung?

Daniela: Das Petrus steht für Gemütlichkeit; Und die steckt in vielen kleinen Ecken und Plätzen, wo man einfach sitzen bleiben möchte. Es steht für Handgemachtes. Das wird bei uns sehr großgeschrieben: nicht nur im Interior, sondern auch in der Küche, bei Getränken, auf den Tellern. Man soll und darf dabei auch sehen, dass jemand das mit der Hand gemacht hat, denn ich finde, Handgemachtes hat eine andere Seele.

Und das Petrus steht für Miteinander. Wir sind nichts ohne unser Team. Jede einzelne Person darin ist wichtig –uch der kleinste Lehrling ist ein echter Gastgeber. Das steckt an und motiviert.

„Wir sind Gastwirtinnen. Ein Gastwirt ist der, der direkt beim Gast ist – der auch mal den Teller bringt, den Koffer trägt, das Getränk macht.“

— Daniela

Foto: Anna Roschatt

Küche, Kreativität & Zukunft

Wie eng arbeitet ihr mit der Küche zusammen?

Brigitte: Die Küche war bei uns schon immer wichtig. Wir hatten über 30 Jahre denselben Küchenchef: Rudi Leimecker, der kurz nach seiner Meisterprüfung angefangen und bis zur Rente geblieben ist. Er war ein Vorreiter der Südtiroler Küche und hat immer auf die Qualität der Produkte geachtet. Wir sind mit ihm aufgewachsen und haben beim Zuschauen kochen gelernt. Er hatte (oder hat noch immer) eine ganz tolle Einstellung, denn er hat auch auf den kleinsten Lehrling gehört und von jedem etwas gelernt. Das ist etwas, das wir auch für uns übernommen haben.

Daniela: Nach so einer langen Zeit hatten wir natürlich einen großen Anspruch an einen Nachfolger. Wir wollten den Petrus-Stil natürlich weiter beibehalten und haben ihn mit unserem Küchenchef Josef Farsane weiterentwickelt. 

Wo seht ihr das Haus in zehn Jahren?

Brigitte: Wir mögen keine Revolutionen. Wir setzen lieber auf viele Evolutionen über Jahre hinweg. Und zwar so, dass wir mit dem Haus mitwachsen können. Andere Hotels machen das vielleicht anders, veranlassen  große Umbauten. Wir gehen lieber kleine Schritte. 

Daniela: Ich hoffe auf noch mehr Lieblingsgäste im Haus. Jene Gäste, die genau die vielen gemütlichen Ecken im Haus schätzen, das lange Frühstück auf der Terrasse, am Pool entspannen und abends gut essen wollen. 

Christina: Und ich hoffe auf möglichst gleiche Gesichter; bei den Gästen, aber auch bei uns im Team. Größer werden wollen wir nicht; 50 Zimmer ist die richtige Größe, damit wir noch jeden Gast kennen, wenn er zur Tür hereinkommt und genau das ist uns wichtig. 

„Wir sind nur gemeinsam stark. Jede alleine für sich wäre nicht so gut wie wir zu dritt.“

— Daniela

Foto: Anna Roschatt

Kurzbiografien

Brigitte, Jahrgang 1983

Besuchte nach ihrer Wirtschafts-Matura die höhere Hotelfachschule in Meran, schloss anschließend eine Sommelier-Ausbildung ab und sammelte Erfahrungen im Theater, bevor sie 2008 ins Familienhotel einstieg. Im Petrus verantwortet sie vor allem Interieur, Kulinarik und kreative Konzepte.

Christina, Jahrgang 1984

Absolvierte eine Lehre im Service, besuchte die Hotelfachschule in Innsbruck, machte die Matura und arbeitete anschließend in Hotels in New York, Nizza und Hamburg, bevor sie ins Familienunternehmen zurückkehrte. Sie ist die operative Schaltzentrale des Hauses.

Daniela, Jahrgang 1988

Studierte Marketing und Tourismus, arbeitete bei Online-Agenturen in München und Innsbruck sowie in der Unternehmensberatung. Im Petrus übernimmt sie Kommunikation und Marketing und ist das Sprachrohr des Hauses nach außen.











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Die Hände hinter den Tellern