Hannah Kleeberg: Butter, Wut und Kartoffelsalat 

Credit: Finn Dubbled

Hannah Kleeberg hat aus Liebeskummer, einer WG-Küche und einem Therapeuten-Rat ein kulinarisches Studio gebaut, das Google, Adidas und Dua Lipa buchen. Jetzt  ist ihr erstes Buch erschienen. Ein Porträt. 

Von Denise Snieguole Wachter

An ihrem ersten Tag in der Gastronomie trug Hannah Kleeberg zehn Gläser Champagner auf einem Tablett durch einen vollen Raum. Sie balancierte zwei Teller  auf der linken Hand, einen Kaffee in der rechten, stolperte über einen Mantel, der  über einer Stuhllehne hing – und dann lag alles auf dem Boden: Geschirr, Kaffee,  Champagner, auf ihr, auf einem Gast, überall. Eine Kollegin kniete sich neben sie,  sammelte die Scherben auf und flüsterte: “No one saw anything.”  

Kleeberg erzählt diese Geschichte im Vorwort ihres ersten Buches „Herrlich  Hosting“, das gerade bei Gestalten erschienen ist. Sie erzählt sie nicht als Panne,  sondern als Erweckungsmoment. „Diese Welt, in der man sich beschützt, in der man  miteinander den Boden wischt und miteinander die Scherben aufsammelt“, sagt sie, „das hat meine Liebe zum Gastgeben geweckt.“  

Wer sich fragt, wie eine Frau ohne Kochausbildung dazu kommt, für Google, Adidas und Louis Poulsen kulinarische Konzepte zu entwickeln, Butterskulpturen in einem Chateau zu formen und ein Restaurant in Berlin-Neukölln zu eröffnen,  in dem Dua Lipa den Kartoffelsalat bestellt – der muss bei diesem Moment  anfangen. Und bei einer Therapeutin.  

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Hannah Kleeberg wächst im Rheinland auf, studiert Politikwissenschaften in Freiburg,  macht nebenbei eine Ausbildung zur Kriseninterventionsberaterin und jobbt in der  Gastronomie. An den Wochenenden trägt sie Teller, unter der Woche sitzt sie in  Seminaren über internationale Beziehungen, abends nimmt sie vergessene  Espressobestellungen auf. Dann bricht eine Beziehung auseinander, das Studium  fühlt sich leer an, und die Pandemie kommt.  

Ihre Therapeutin sagt einen Satz, der sich als folgenschwer erweisen wird: Kanalisiere all  diesen Schmerz, all diese Wut, all diese Traurigkeit in ein Projekt. „Sie dachte wahrscheinlich, ich suche mir ein Ehrenamt oder gehe in einen Sportverein“, sagt  Kleeberg und lacht. Stattdessen räumte sie ihr WG-Zimmer leer, stellte einen Tisch  rein, bat ihre Freunde, sich hübsch anzuziehen, und baute ein Fake-Portfolio auf. Auf  Instagram schrieb sie nicht „Picknick mit Freunden“, sondern „Creative Concept for  Dinner Outside“. Die ersten privaten Kunden kamen: Geburtstage, Hochzeiten. Dann  ein Venture-Capitalist aus London, 50 Leute, sechs Gänge. Sie sagte zu.  

„Ich war so wütend und so traurig, in jedem Ausmaß“, sagt sie. „Über meinen gescheiterten Karriereweg als Politikwissenschaftlerin, über eine gescheiterte  Beziehung, über dieses Gefühl, verloren zu sein als junger Mensch. Ich glaube, da  war irgendeine Energie freigeschaltet, die etwas unbedingt wollte.“ Dieser  unbedingte Wille, wie sie ihn nennt, trage sie bis heute. Auch durch die blöden  Situationen.  

2022 gründet sie Herrlich Dining, mit 25 eine GmbH. 2024 eröffnet sie in Neuköllnvdas Herrlich Studio, ein Pop-up-Restaurant für ein Jahr. Die Idee: eigentlich  brauchte sie nur eine Produktionsküche und ein Lager. Aber der Laden war da, die Miete bezahlbar, und der Ehrgeiz größer als der Plan. Was folgte, war kein Konzeptrestaurant, sondern ein Wohnzimmer für eine ganze Nachbarschaft.  

„Das Beste, was da passiert ist: Es kamen so viele Mütter. 50-jährige Frauen, die  erzählt haben, ihre Töchter hätten ihnen das gezeigt.“ Kleeberg kennt das Gefühl  selbst, nicht cool genug für einen Ort zu sein, die Haare nicht gebürstet, kein  passendes Outfit. Im Studio Herrlich sollte das egal sein. „Wir haben da keine Cool-Kids-Crowd gemacht oder das Gefühl, dass man Teil einer sein müsste.“ Seit Februar  2025 ist der Laden geschlossen. Sie vermisse ihn, sagt sie, irgendwann kann sie sich einen Laden wie diesen wieder vorstellen.

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Credit: Finn Dubbled

Herrlich Dining ist schwer in einen Begriff zu packen. Kleeberg selbst sagt  „kulinarisches Studio“ und meidet das Wort Catering, das sie unsexy findet und das  nicht beschreibe, was sie mache: kreative kulinarische Direktion. Konkret heißt das:  Sie inszeniert Essen als ästhetisches Erlebnis. Kleiderbügel aus Baguettes.  Weihnachtsbäume aus Kohl, aus denen später Kimchi wird. Vasen aus Eis.  Erdbeerskulpturen, die am nächsten Tag als Marmelade ins Glas wandern. 

Lauchskulpturen, die zu Suppe, Confit und Öl verarbeitet werden. Ihr Credo: Fun  Dining statt Fine Dining.  

Wenn Kleeberg Butter für ihre Skulpturen verwendet, ist es immer vegane Butter. Sie  sei weder Veganerin noch Vegetarierin, sagt sie, aber sie wolle nicht mit tierischen  Produkten in diesem Umfang verschwenderisch umgehen. „Ich möchte nicht eine  Industrie promoten, die auch zu Teilen aus Ausbeutung besteht.“ Die Grenze zur  Lebensmittelverschwendung ziehe sie dort, wo sie nicht mehr wisse, was danach mit  dem Material passiert. Wenn ein Kunde darauf keine Antwort habe, lehne sie ab.  „Dann habt ihr nicht verstanden, was ich mache.“  

Was Kleeberg macht, ist Teil einer größeren Verschiebung. Essen hat sich in den  vergangenen Jahren neben Mode, Beauty und Design als Ausdrucksmedium für  persönlichen Stil etabliert. Der gedeckte Tisch wird zur Bühne, Gemüse ersetzt das  Blumenarrangement, und Tablesetting – ein Begriff, den der Interior-Designer  David Hicks in den Sechzigerjahren in Anlehnung an „Landscapes“ prägte – ist kein  verstaubtes Hobby mehr, sondern ein Instagram-Genre mit Millionenpublikum.  

Kleeberg nennt die New Yorker Food-Künstlerin Laila Gohar als großes Vorbild.  Gohar, die der Rapper Drake einmal die „Björk of Food“ nannte, hat für Prada,  Hermès und Comme des Garçons gearbeitet. „Sie hat dieses Opulente in eine  Dimension gebracht, die auf einmal wieder en vogue war“, sagt Kleeberg. Vorher sei  Essen in den Industrien, die als cool galten – Fashion, Interior, Beauty – kein Thema  gewesen. „Im Gegenteil. Da herrschte dieses Bild vor: Man isst wenig, und wenn,  dann snackt man nur.“  

Kleebergs Gegenposition dazu ist ein gedeckter Tisch, der wie ein gutes Outfit  funktioniert: mit einem Statement-Piece und der richtigen Balance zwischen  schweren und leichten Elementen. „Zu viel Mühe killt die Geschichte“, sagt sie. „Aber  eine knallrote Tischdecke oder Vasen aus Eis, während der Rest des Tisches relativ  schlicht ist – das findet die Balance.“ Ihre Ideen sammelt sie in einer Notizliste auf  dem Handy. Letztens sah sie in einem Schaufenster riesige Kirschen aus Plastik und  wollte sofort einen Kuchen machen, der aussieht wie eine echte Kirsche und mit  kleinen Kirschen bestückt ist. Ob sie ihn je machen wird, weiß sie nicht. Aber die  Notiz steht. 

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„Herrlich Hosting“, 256 Seiten, Hardcover, vollfarbig, ist kein Kochbuch im  klassischen Sinn, obwohl 75 Rezepte darin stehen. Es ist in vier Akte gegliedert, die  an unterschiedlichen Orten spielen: Schottland, Griechenland, Albanien und Nordrhein-Westfalen.  Kleeberg nennt es ein „Unterhaltungsbuch, das gute Laune macht und das man gern  offen auf dem Tisch liegen lässt“.  

Dass das Buch in den schottischen Highlands beginnt und nicht in einer Berliner  Küche, hat mit Kleebergs Eltern zu tun. Sie haben ihre Flitterwochen dort verbracht,  in Bed and Breakfasts mit endlosen Frühstücksbuffets, und davon so erzählt, dass die  Tochter irgendwann selbst hinmusste. Schottland wurde für sie die perfekte Kulisse  für das, was sie das „anarchische Brunchgefühl“ nennt: Gastgeben hat keine Uhrzeit  und braucht keinen Anlass.  

Das Brunch-Kapitel ist auch das politischste. Kleeberg schreibt darin gegen den  Tradwife-Trend an, der die Frau am Herd romantisiert – und macht den Brunch zum  Gegenmodell: zwanglos, formfrei, im Schlafanzug. „Entweder ist eine Frau, die am  Herd steht, eine Köchin, die handwerkliche Arbeit macht, oder eine Mutter, die Care 

Arbeit macht – beides ist ein Job, der nicht als das Leichteste auf der Welt aussehen  sollte“, sagt sie. Brunchen, wie sie es versteht, sei die Einladung, einfach  vorbeizukommen, egal wie man aussieht, egal wie spät es ist, egal was auf dem Tisch  steht.  

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Credit: Finn Dubbled

Auf die Frage, ob die fehlende Kochausbildung je ein Hindernis gewesen sei,  antwortet Kleeberg differenzierter, als man erwarten würde. Lange sei es ein Vorteil  gewesen, nicht an etwas gebunden zu sein, das man einmal gelernt habe. Heute  ärgere sie sich manchmal. „Wenn ich im Hallmann & Klee sitze und den Pass  beobachte, denke ich: Warum habe ich mir diese Erfahrung nicht mitgenommen?“  Sie hätte gern in einem weiblich geführten Restaurant gelernt. Warum weiblich  geführt? „Weil die Anzahl an sexistischen Situationen und Kommentaren, die ich von  männlichen Vorgesetzten in der Gastronomie erlebt habe, zu lang ist. Und das sagen  mir die Frauen, mit denen ich spreche, auch.“ 

Kleeberg redet über das Thema ohne Anklage, aber ohne Ausweichen. Den Noma Skandal um René Redzepi nennt sie die Spitze des Eisbergs, den Reputationsschaden  für die gesamte Gastronomie fatal. „Wir sind eine Industrie, die es verdient hat, dass  junge Leute Lust haben, da Karriere zu machen. Und mit solchen Situationen  verstößt man junge Menschen wie mich, die damals Angst hatten, in Küchen zu  arbeiten.“ Sie sehe das als Symptom einer patriarchalen Struktur, in der Männer an  der Spitze geschützt würden, weil sie für andere Geld verdienen. Aber es gebe  genauso viele Gegenbeispiele, gut geführte Restaurants mit Viertagewochen und  offenen Podcasts über Schattenseiten und Magie des Berufs. Davon wünsche sie sich  mehr Aufmerksamkeit.  

In ihrem eigenen Team – ein Kern von zehn Freelancern, ein erweiterter Pool von 50  – hat sie eine klare Regel aufgestellt: „Der Kunde ist hier nicht König. Wenn jemand  zu euch blöd ist, habt ihr meinen Go, diese Person rauszuschmeißen. Und wenn ihr  euch das nicht traut, dann holt mich.“ Das sei genau das, worum es bei herrlichem  Hosting gehe: gegenseitiger Respekt. Wo der aufhöre, höre auch Herrlich auf.  

Auf die Frage, welche ihrer vielen Rollen ihr am seltensten zugetraut werde, zögert  sie kurz. „Unternehmerin. Das wird oft ersetzt durch Content Creatorin.“ Sie sei eine  Content Creatorin, kein Problem damit. „Ich würde mir nur wünschen, dass vor  allem von Männern öfter wahrgenommen wird, dass ich ein erfolgreiches  Unternehmen leite.“  

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„Herrlich Hosting“ von Hannah Kleeberg, hrsg. von Gestalten, 256 Seiten, Hardcover, 21 × 26 cm,  ISBN 978-3-96704-220-7. Erhätlich über herrlichdining.com

Wie geht sie mit dem Druck um? „Viel Therapie, immer schon, immer noch.“ Sie war  kürzlich in einer elften Klasse eingeladen, um über ihren Werdegang zu sprechen,  und sagte den Schülern: Jedes Problem ist genug, um Hilfe in Anspruch nehmen zu  wollen, wenn man darunter leidet.  

Ihr persönlicher Break-a-leg-Moment? Das erste Mal vor der Kamera. Eine Marke  wollte sie als Gesicht einer Kampagne. Sie hielt sich für eine Hochstaplerin. Ihr  Management sagte: Du hast eine Geschichte zu erzählen, deswegen wollen die Leute  mit dir vor Kameras sprechen. „Ich glaube, man kann sich selber durch die eigenen  Ängste applaudieren“, sagt sie. 

Und was isst sie, wenn niemand zuschaut? Bánh Mì, viermal die  Woche. Grießpudding jeden Abend. Wassermelone mit Limette. „Ich ernähre mich  so wie ein pubertierender Junge.“ Den ganzen Tag beschäftige sie sich professionell  mit Essen, verrationalise es, setze es in Szene. Privat esse sie emotional. Das sei der  Ausgleich.  

Manchmal, erzählt sie, gingen auch Sterneköchinnen nach dem feinsten Essen der  Welt noch irgendwo etwas Bodenständiges essen. Weil beides “koexistierend geil” sei. Das  könnte als Motto über dem ganzen Projekt stehen: Butterskulpturen und Bánh Mì,  Chanel-Shootings und Schlafanzug-Brunches, ein leergeräumtes WG-Zimmer und ein  Buch bei Gestalten. Hauptsache, es schmeckt. Und niemand muss sich dafür anders  anziehen.  

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