Clara Hunger: Die, die das Tanktop jetzt erst recht trägt

Credit: Oliver Vonberg

Von Denise Snieguolė Wachter

Clara Hunger hat gegen Tim Mälzers besten Mann gewonnen und eröffnet jetzt ein Popup in seiner Bullerei. Über eine Köchin, die Chefin sein will — aber nur ihre eigene.

Die Szene, in der das Bild dieser Köchin in den deutschen Medien entstand, dauerte ungefähr drei Sekunden. Clara Hunger stand im Mai vergangenen Jahres im Taubenkobel in Schützen am Gebirge, einem Sternerestaurant im Burgenland, hatte gerade einen Teller zum Verkosten gereicht und trug dazu, was sie in der Küche immer trägt: eine schwarze Latzhose, darunter ein weißes Tanktop. Die Sendung war Kitchen Impossible, Jubiläumsstaffel, Hunger kochte im Team Max Strohe gegen Tim Mälzers Küchenchef Sebastian Brugger. Sie gewann. Am Tag nach der Ausstrahlung berichteten mehrere deutsche Boulevardmedien nicht über das Essen, sondern über die Kleidung. Freizügig sei Hunger aufgetreten. Von ihrem Sieg war weniger die Rede als von ihrem Oberteil.

Ein Jahr später, an einem Vormittag im April, sitzt dieselbe Köchin in einem Café in Hamburg und trägt einen Hoody. Es ist noch zu kalt für das Tanktop. Auf die Outfit-Debatte angesprochen, zieht sie die Augenbraue hoch. „Da kommt bei mir eher so ein Kampfgeist raus“, sagt sie. „Ich ziehe das halt jetzt jedes Mal an, wenn ich in der Öffentlichkeit bin. Dann sollen sich die Leute drüber aufregen.“ Dass sie damit eine Uniform geschaffen hat, ohne sie zu suchen, fällt ihr im Gespräch selbst erst auf. Einen Sponsor für die Tanktops hat sie bis heute nicht.

Hunger ist 31 Jahre alt, geboren in Friedrichshafen am Bodensee, ausgebildet bei Tim Mälzer in der Bullerei, danach Stationen im vegetarischen Tian in Wien, im Salt & Silver und in der XO Seafoodbar in Hamburg, zuletzt drei Jahre lang Sous-Chefin im Berliner Tulus Lotrek bei Max Strohe, einem der bekanntesten Sterneköche des Landes. Im Frühjahr 2025 eröffnete sie mit zwei Kollegen die Pop-up-Bar nullkommaeins auf St. Pauli, eine Zwischennutzung in den Räumen eines ehemaligen Pizzaladens, die über den Sommer lief. Ende des Jahres war damit Schluss, nicht, weil das Konzept gescheitert wäre, sondern weil es genau so geplant gewesen war: auf Zeit. Seither taucht Hunger in regelmäßigen Abständen in den Feuilletons auf. Die Frage, die sich die Branche über sie stellt, lautet nicht, ob sie kochen kann — das hat sie bewiesen. Sie lautet, wohin diese Köchin eigentlich will.

Der Umweg als Methode

Credit: Max Strohe

Am 20. April eröffnet Hunger in der Küche ihres ehemaligen Ausbilders ein Popup, das option heißt. Zwölf Tage, dann ist es vorbei. Der Name ist in einer Probe mit dem Team entstanden, als im Hintergrund ein Song des Bonner Rappers SSIO lief, Titel: Keine Option. Von da war es ein kurzer Weg zu dem Satz, den Hunger heute am Tisch sagt: „Option ist eigentlich ein perfekter Name. Es ist eine Option, zu uns zu kommen — schließt aber andere Leute nicht aus.“ Man kann mit dem Wort spielen, und Hunger tut das gern. Menü sei keine Option, à la carte schon.

Die Methode, nach der sie seit ihrem ersten eigenen Projekt arbeitet, ist hier schon beschlossen. Kein Haus, sondern eine Zwischennutzung. Keine Expansion, sondern ein Ausflug in fremde Küchen. Kein Vertrag über Jahre, sondern ein Zeitrahmen mit Enddatum auf dem Aushang. In einer Branche, die ihre Erfolgsgeschichten in festen Adressen misst — Eröffnungsjahr, Anzahl der Sterne, Lage —, kocht Hunger seit zwölf Monaten gegen diese Messgröße an, ohne es je so zu formulieren. Stillstand demotiviere sie, sagt sie, mehrfach, fast beiläufig, als wäre das eine Banalität. Es ist keine. Es ist die Entscheidung ihrer Generation, in einer Zeit, in der ein festes Restaurant in Hamburg ein Kapitalrisiko ist, das wenige unter dreißig ernsthaft eingehen wollen oder können.

Die entscheidende Szene des Gesprächs hat mit dieser Methode zu tun. Gefragt, was sie antworten würde, wenn Mälzer sie morgen anriefe und ihr die feste Position einer Küchenchefin in einem neuen Haus anböte, zögert Hunger keine Sekunde. „Nein, würde ich nicht machen. Weil ich was Eigenes machen will. Und vor allem will ich meine eigenen Entscheidungen treffen können.“ Der Satz fällt schnell, ohne Höflichkeitsschleife, ohne das Ja, aber, mit dem Köchinnen in ihrer Position solche Fragen üblicherweise beantworten. Er ist bemerkenswert, weil er in direktem Widerspruch zu der Geschichte steht, die über Hunger geschrieben wird: Die Ex-Azubi kehrt zum Lehrmeister zurück. Die Figur, die Mälzer entdeckt und gefördert hat, zieht in sein Haus ein. Hunger nutzt die Bühne. Aber sie macht sich dort nicht heimisch.

Zu früh, zu privilegiert, zu laut

Die Zuschreibung, die an ihr klebt, ist die der neuen Generation. Hunger lässt sie gelten, aber nur bis zu einem bestimmten Punkt. Was sie an dem Etikett stört, ist nicht das Wort, sondern die Erwartungshaltung, die dahinter steht. Sie koche diesen Job ein paar Jahre, sagt sie, aber nicht zwanzig. Sie wolle ihre Meinung äußern, auch laut, gerade dort, wo sich etwas ändern müsse. Aber sie wolle auch nicht in eine Position gedrückt werden, in der jede ihrer Äußerungen als Generationenstatement zu lesen sei.

Wer mit Hunger spricht, stößt an einer Stelle auf eine Offenheit, die selten ist. Gefragt, ob sie sich in dem Muster sehe, nach dem junge Köchinnen von etablierten männlichen Gastronomen entdeckt werden und ihre Bühnen auf deren Terrain bekommen, nickt sie, und formuliert dann eine Selbstbetrachtung, die das Übliche durchbricht. Sie sei in einer privilegierten Position gewesen, sagt sie. Früh in Restaurants, wo die Chefs bekannter waren als sie selbst. Aber: „Man darf sich auch selbst sagen, dass man dafür gearbeitet hat. Obwohl mir das manchmal schwerfällt, weil ich so ein bisschen dieses Hochstaplerinnen-Syndrom habe.“ Eine 31-jährige Köchin, die bei Kitchen Impossible gegen Mälzers besten Mann gewonnen hat, zweifelt an Tagen daran, dass sie es verdient hat, dort zu stehen, wo sie steht. Das sagen wenige Frauen in ihrer Branche öffentlich. Dass Hunger es sagt, ohne Umschweife, ist eines der interessanteren Phänomene dieses Jahrgangs: Die Sichtbarkeit der Selbstzweifel ist größer als früher. Was nicht heißt, dass die Selbstzweifel kleiner geworden wären.

In einem späteren Teil des Gesprächs wird sie sagen, dass sie die Zuschreibung, sie sei nur deshalb, wo sie ist, weil sie eine Frau sei oder gut aussehe, mittlerweile kühl pariere. Neulich habe ihr das jemand gesagt, sie habe geantwortet, dass sie kaum dort stünde, wo sie stehe, wenn es nur ums Aussehen ginge. „Ich meine, sonst hätte ich auch nicht Kitchen Impossible gewonnen.“ Der Satz fällt ohne Triumph. Aber er fällt. Und danach kommt der Satz, der die Rüstung fallen lässt: „Macht mich schon traurig. Weil das so eine Machtlosigkeit ist. Du kämpfst die ganze Zeit dagegen an.“

Die Küche, in der sie den Fehler kennenlernte

Dass die Handschrift dieser Köchin nicht in Hamburg oder Berlin entstand, sondern in einer kurzen Station in Wien, die in ihrer Biografie meist nur eine Zeile bekommt, ist eine der Entdeckungen, die Gespräche mit Hunger abwerfen können, wenn man sie nicht nach der Bullerei fragt. 2020 arbeitete sie wenige Monate im Tian, dem vegetarischen Sternerestaurant von Paul Ivić, bevor die Pandemie sie nach Deutschland zurücktrieb. Wenn sie heute überlegt, welche Küche sie am meisten verändert hat, denkt sie zuerst an diese.

Sie sei keine klassische Köchin, sagt sie. Die französische Küche möge sie, aber sie koche sie nicht gerne. Was sie im Tian gelernt habe, sei etwas Grundlegendes gewesen: eine Denkweise. Sie erzählt eine Zubereitung, die in fast jeder Berufsschule als Fehler durchginge. Ein Salat wird klein geschnitten, gesalzen und gezuckert, bis er zusammenfällt. „Dir wird in der Ausbildung immer gesagt: Nein, das darfst du nicht machen, das ist ein Fehler. Und im Tian arbeiten sie damit.“ Der zusammengefallene Salat wurde dort ausgedrückt, wie ein Coleslaw mariniert und zu einem eigenständigen Gericht verarbeitet. Für Hunger sei das mehr gewesen als eine Zubereitung, sagt sie. Es sei eine Einladung gewesen, die eigene Ausbildung infrage zu stellen. „In der Kreativität gibt es keine Fehler.“

Wer Hungers heutige Küche verstehen will, muss an diesen Punkt zurück. Die Sülze-Dumplings, die oft als ihre Signatur genannt werden — von einer Kollegin wurden sie kürzlich zum besten Gericht des Jahres gewählt — sind nach derselben Logik entstanden. Sülze wird warm flüssig. Also müsste sie, dachte Hunger, in einem Soup-Dumpling funktionieren. Drei, vier Versionen habe sie gekocht, bevor das Gericht so war, wie es heute ist. Die erste, 2021, war eine Ravioli mit Bierkäse und Sauerkrautschaum. Auch lecker, sagt Hunger, aber nicht das, was sie suchte. Dass sie sich überhaupt so an eine Idee herantraute, deren Ausgangspunkt die Kindheitssülze ihrer Großmutter war, ist kein biografisches Ornament. Es ist die Konsequenz einer Küchenlogik, die sie in Wien gelernt und seither nicht mehr abgelegt hat.

Wenn man sie nach ihrem Küchenstil fragt, wie man es in Interviews eben tut, winkt sie ab. Landesküchen interessierten sie nicht, sagt sie. Sie arbeite lieber in Geschmäckern. Salzig, sauer, scharf. Sie gehe gerne an Grenzen, sie sei nicht besonders brav. Gegen was sie koche? Hunger überlegt länger als bei den meisten anderen Fragen. Dann sagt sie: „Gegen feste Strukturen. Gegen eine Fehlerkultur.“ Es ist eine leise Antwort für eine Haltung, die in der deutschen Spitzengastronomie seltener ist, als man annimmt.

Zwei Stimmen, eine Küche

Credit: Max Strohe

Hungers Verhältnis zu Tim Mälzer ist in den vergangenen Jahren beschrieben worden, als sei es eine Vater-Tochter-Konstellation. Mälzer, der Ausbilder, der großzügige Gastgeber, der laute, aber liebevolle Mentor. Hunger, die loyal bleibt, dankbar, aber selbstbewusst. Das ist nicht falsch, es ist nur unvollständig. In bisherigen Interviews hat Hunger selten ein schlechtes Wort über Mälzer gesagt, was in der Presse teilweise als Zeichen von Einstudiertheit gelesen wurde. Sie widerspricht dem höflich. „Das spricht auch für Tim, dass man mit ihm einfach reden kann. Der sagt immer das, was er denkt.“ Sie hätten sich über die Jahre, sagt sie, „auch schon mal ganz sanft in die Haare gekriegt, aber danach haben wir uns immer wieder vertragen“. Es ist der seltene Fall, in dem eine junge Köchin über einen mächtigeren Mann in ihrer Branche ohne Verklärung und ohne Revanche spricht.

Interessant wird die Konstellation an einer anderen Stelle. Wenn Hunger in der Küche steht, sagt sie, hört sie eine Stimme lauter. Nicht Mälzers. Die von Max Strohe, ihrem zweiten großen Lehrer, bei dem sie zuletzt im Tulus Lotrek Sous-Chefin war. Strohe sei ihre letzte Station gewesen, sie habe dort eine Führungsposition gehabt, es sei länger gewesen als nur eine Ausbildung. Und sie kochten ähnlich aus dem Bauch, sagt sie. Das habe sie verbunden. Mälzer ist Hungers öffentlichste Figur. Strohe ist ihre einflussreichste.

Sie arbeitet auf Mälzers Bühnen. Sie kocht in Strohes Tonlage. Die Rückkehr in die Bullerei ist in dieser Lesart kein Heimkehrritual, sondern eine gut gewählte Leihgabe: Hunger nimmt den Raum, der ihr angeboten wird, und füllt ihn mit einer Handschrift, die nicht aus diesem Raum stammt.

Was wichtig ist, wenn die Kameras weg sind

Gegen Ende des Gesprächs, als wir schon länger sitzen als vorgesehen, kommt die Frage nach der Angst. Nicht, was herausfordere — was wirklich Angst mache. Diese Frage bekommt von Köchinnen in Hungers Alter meist eine Antwort über Verletzlichkeit oder Versagensgefühl, manchmal auch über den Druck, nicht zu genügen. Hunger antwortet anders.

„Natürlich hat man Angst, dass es irgendwann auch vorbei sein könnte.“ Sie meint die Öffentlichkeit, das Licht, die Einladungen. Vielleicht, sagt sie, hätten alle Menschen in der Öffentlichkeit diese Angst, dass sich morgen niemand mehr an sie erinnere. „Aber Angst habe ich eigentlich nicht so richtig. Weil ich bin in erster Linie Köchin. Ich bin nicht in erster Linie Person des öffentlichen Lebens. Ich kann immer kochen. Eigentlich kann gar nichts passieren.“

Der Satz enthält eine Unterscheidung, die in einer Branche mit so viel Fernsehlicht selten getroffen wird: die zwischen dem, was eine Köchin zur Figur macht, und dem, was sie zur Köchin macht. Hunger hat das eine nicht verwechselt mit dem anderen. Das ist keine Bescheidenheit. Es ist eine Arbeitsentscheidung. Wer den Beruf für das Handwerk ausübt, kann die Aufmerksamkeit überleben, wenn sie geht. Wer ihn für die Aufmerksamkeit ausübt, kann das nicht. Hunger weiß, auf welcher Seite dieser Linie sie stehen will.

„Es tut mir gut, immer neue Sachen zu machen. Stillstand demotiviert mich. Es hilft mir gerade, frisch im Kopf zu bleiben.“ Es ist, nebenbei, die Übersetzung des Wortes, das sie über ihrem nächsten Projekt stehen hat. option ist nicht nur der Name eines Popups in der Bullerei. Es ist eine Arbeitsweise. Eine Form, die Möglichkeiten offenzuhalten, ohne sich in ihnen einzurichten.

Am 20. April öffnet sie für zwölf Tage. Auf der Karte stehen kleine Snacks, ein Chef's-Choice-Menü, dazu eine Kombination, von der sie nicht lassen kann: Spargel, Miesmuschel, Lardo. Es ist die Geschmacksidee, mit der sie bei Mälzers Meisterklasse aus der Sendung rausgeflogen war. Sie glaube noch an die Kombination, sagt Hunger. Deshalb komme sie jetzt auf die Karte.




Clara Hunger, Jahrgang 1994, aus Friedrichshafen am Bodensee. Ihr Popup option läuft vom 20. April bis 1. Mai 2026 in der Bullerei in Hamburg.

Weiter
Weiter

Chef Pam Aus Bangkok: „Es ist das Schuldgefühl, Mutter zu sein“