Amanda thomson: “Es ging mir nie um Verzicht”

Foto: Noughty

Die Gründerin von Noughty wollte den Alkohol ersetzen, nicht das Gefühl dahinter

Mit dieser Serie stellt Chef:in Frauen vor, die Genuss, Pairings und Gastlichkeit neu denken. Sie kommen aus unterschiedlichen Bereichen, verfolgen unterschiedliche Ansätze und verbindet doch eine gemeinsame Idee: Menschen, die keinen Alkohol trinken, sollen nicht länger außen vor bleiben.

Den Auftakt macht Amanda Thomson. Die ehemalige BBC-Journalistin gründete mit Noughty eine der bekanntesten alkoholfreien Weinmarken der Welt.

Von Linda Gondorf

Foto: Noughty

Amandas Produkte werden heute in Sternerestaurants, Luxushotels und Bars in Europa, Nordamerika, Asien und Australien ausgeschenkt.  Im Gespräch mit Chef:in erzählt sie, warum sie nie eine Marke für Verzicht entwickeln wollte, weshalb Investor*innen anfangs nicht an ihre Idee glaubten und warum die Zukunft für sie nicht in einem Gegeneinander von Wein und alkoholfreien Alternativen liegt, sondern in mehr Wahlfreiheit.

Amanda, du sprichst lieber von Feierkultur als von Verzicht. Warum ist dir dieser Unterschied so wichtig?

Amanda: Ich hatte nie das Ziel, Produkte für Menschen zu entwickeln, die das Gefühl haben, auf etwas verzichten zu müssen. Hinter Noughty stand von Anfang an die Idee, dass niemand die Feier verlassen oder außen vor bleiben sollte.

Als ich die Marke aufgebaut habe, dachte ich an all die Momente, in denen das Ritual zählt: den Toast auf einer Hochzeit, einen Geburtstag, ein Business-Event oder ein Abendessen an einem Dienstag, wenn am nächsten Tag Arbeit ansteht. Die meisten Menschen feiern nicht den Alkohol selbst. Sie feiern den Moment. Mein Ziel war immer, den Alkohol zu ersetzen, aber das Gefühl zu bewahren. Wenn jemand ein schönes Glas Schaumwein in der Hand hält und sich ganz selbstverständlich als Teil des Moments fühlt, dann habe ich meinen Job gemacht.

Warum verbinden wir Genuss kulturell so stark mit Alkohol?

Alkohol war lange eine Art soziale Abkürzung für Entspannung, Belohnung und Gemeinschaft. Ich verstehe das gut. Ich habe viele Jahre in der Weinwelt verbracht und ich habe die Inszenierung rund um Wein geliebt. Ich liebte Champagner, das Öffnen einer Flasche und das gemeinsame Teilen mit Menschen, die mir nahestehen.

Was sich heute verändert, ist die Frage, ob die Menschen wirklich den Alkohol schätzen oder vielmehr das Erlebnis drumherum. Immer mehr Kund*innen entdecken, dass sie die Erfahrung behalten können und sich am nächsten Tag trotzdem gut fühlen.

Trotzdem wird alkoholfreier Wein in Teilen der Gastronomie bis heute als Produkt zweiter Klasse betrachtet, oder?

Als ich anfing, über hochwertigen alkoholfreien Wein zu sprechen, hielten viele Menschen das für einen Widerspruch. Sie konnten sich kein ernsthaftes Angebot in diesem Bereich vorstellen. Heute wird Noughty in Sternerestaurants, Luxushotels und einigen der besten Bars der Welt ausgeschenkt. Die Frage hat sich verändert. Früher hieß es: „Warum sollte jemand das wollen?“ Heute lautet sie: „Warum haben wir das noch nicht auf der Karte?“ Das sagt eigentlich alles darüber aus, wohin wir uns entwickelt haben.

Foto: Noughty

Mein Ziel war immer, den Alkohol zu ersetzen, aber das Gefühl zu bewahren.“

Gehen Frauen anders an das Thema alkoholfreier Genuss heran als Männer?

Frauen standen häufig an der Spitze der Bewegung rund um bewussten Alkoholkonsum. Sie treffen oft Entscheidungen rund um Gesundheit, Familie und Lebensstil. Trotzdem sehe ich alkoholfreie Getränke nicht als Frauenthema.

Eine der größten Überraschungen für mich war, wie breit die Zielgruppe geworden ist: Von Spitzensportler*innen über CEOs bis hin zu klassischen Weinliebhaber*innen und Weinliebhaber*innen – die Menschen, die sich für diese Kategorie interessieren, könnten unterschiedlicher kaum sein.

Als du angefangen hast Naughty aufzubauen, gab es da einen Moment, in dem kaum jemand an deine Idee glaubte und wie bist du damit umgegangen?

Eigentlich fast immer. Ich erinnere mich an meine Zeit am Le Cordon Bleu in Paris. Ich fühlte mich wie eine Außenseiterin. Ich war eine ehemalige BBC-Journalistin und sprach über hochwertigen alkoholfreien Wein, zu einer Zeit, als kaum jemand glaubte, dass diese Kategorie überhaupt eine Zukunft haben würde. Viele hielten die Idee für vollkommen unrealistisch. Das Interessante am Unternehmertum ist, dass man oft lange an etwas glauben muss, bevor es überhaupt Beweise dafür gibt. Das habe ich getan. Ich habe nie aufgegeben, an die Idee zu glauben.

Heute verkaufen wir unsere Produkte weltweit und alkoholfreie Getränke gehören zu den am stärksten wachsenden Segmenten der Branche. Das zeigt mir, dass der Markt einfach etwas länger gebraucht hat, um die Vision zu verstehen.

War es manchmal einsam, Noughty aufzubauen?

Natürlich. Gründerin zu sein, kann sehr einsam sein. Man trägt Verantwortung, Unsicherheit und häufig auch das finanzielle Risiko. Außerdem ist man fast immer die Person im Raum, die am stärksten an die Idee glaubt.

Unternehmer*innen ticken oft etwas anders. Wir sind optimistisch genug, weiterzumachen, selbst wenn die Logik manchmal etwas anderes nahelegt. Was mich angetrieben hat, war die Überzeugung, dass Verbraucher*innen bessere Alternativen verdienen und dass die Kategorie früher oder später auf diese Nachfrage reagieren würde.

Was war schwieriger: die Weinwelt oder die Investor*innen zu überzeugen?

Ganz klar die Investor*innen. Menschen aus der Weinwelt wissen, dass sich Geschmack verändert. Investor*innen wollen Beweise sehen. Als wir gestartet sind, galt alkoholfreier Wein nicht als ernstzunehmende Kategorie. Viele fragten mich, ob Menschen wirklich bereit wären, für ein Produkt ohne Alkohol Premiumpreise zu bezahlen. Heute diskutieren wir nicht mehr darüber, ob die Kategorie existiert. Heute sprechen wir darüber, wie groß sie noch werden kann.

Wann hast du gemerkt, dass alkoholfreier Wein kein Nischenthema mehr ist?

Als klassische Weintrinker*innen begannen, Noughty zu kaufen. Nicht Menschen, die nie Wein getrunken hatten oder sich dazu gezwungen fühlten, auf alkoholfreie Alternativen auszuweichen. Wir erreichten echte Weinliebhaber*innen. Genau das war immer mein Ziel: etwas zu schaffen, das ganz selbstverständlich neben klassischen Weinen auf dem Tisch stehen kann. Und als große Handelsketten alkoholfreien Wein nicht mehr als Neuheit, sondern als dauerhafte Kategorie behandelten. Da wusste ich, dass wir einen Wendepunkt erreicht hatten.

Jahrzehntelang beruhte Gastlichkeit auf der Vorstellung, dass Alkohol Menschen zusammenbringt. Erleben wir gerade eine neue Definition von Gemeinschaft?

Absolut. Die beste Gastlichkeit hatte für mich nie etwas mit Alkohol zu tun. Es ging immer darum, Menschen willkommen zu heißen. Was mich besonders begeistert, ist die Möglichkeit, Gastlichkeit inklusiver zu gestalten. Menschen, die ihren Alkoholkonsum reduzieren möchten, fühlten sich lange ausgeschlossen oder mussten sich erklären.

Die Zukunft ist für mich kein Entweder-oder zwischen Alkohol und alkoholfreien Alternativen. Die Zukunft liegt in Wahlfreiheit und im Nebeneinander.

Foto: Noughty

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